Don Quijote: Ideal und Parodie

Don Quijote: Ideal und Parodie
Don Quijote: Ideal und Parodie
 
»In einem Dorfe von La Mancha, dessen Namen ich mich nicht entsinnen mag, lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund.«
 
Mit diesem Satz beginnt Ludwig Tiecks 1799 bis 1801 entstandene Übersetzung von Miguel de Cervantes Saavedras »Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von La Mancha« - der erste Teil erschien 1605 -, die im Wesentlichen für die nachhaltige Verbreitung des Werkes in Deutschland sorgte. Der Edle in dem namenlosen Dorf lebt ein so banales, alltägliches Leben, dass der Autor auch seinen Namen nicht genau weiß - Quijada oder Quesada könnte es gewesen sein, am wahrscheinlichsten ist jedoch Quijano. Er ist ein Frühaufsteher und jagt gerne, aber alles, sogar die Verwaltung seiner geringen Einkünfte, vergisst er über seiner Leidenschaft, Ritterbücher zu lesen. Aus ihnen schöpft er sein Verständnis der Welt. »Palmeirim von England« und »Amadis von Gallien« stellen mit ihren heldischen Abenteuern und vergeistigten Leidenschaften eine Wirklichkeit vor, die ihm wahrer erscheint, als die, in der er lebt. Er wird durch seine Lektüren verrückt. Er beschließt, selbst als Ritter in die Welt zu ziehen, bastelt sich eine Rüstung und überlegt sich einen Namen, der, wie es die Ritterbücher lehrten, den Stand und die geographische Herkunft miteinander verbinden soll. Nach achttägigem Nachdenken hat er den passenden gefunden: Don Quijote de La Mancha. Ein Mythos ist geboren. Was aber wäre ein Ritter ohne eine ferne, engelsgleiche Angebetete? Auch hier überwindet der Held die Zwänge der Welt ingeniös. Ein Bauernmädchen, das er einst von weitem verehrte, Aldonza Lorenzo, verwandelt sich in seinem wahnhaften Verstehen in Dulcinea von Toboso, »denn sie war aus Toboso gebürtig«.
 
So vorbereitet, reitet Don Quijote zum ersten Mal aus. Als er bald darauf zu einer Schenke mit Dirnen und einem gewitztem Wirt kommt, wandelt sich ihm alles unmittelbar in Personen und Gegenstände seines ritterlichen Weltbildes: Er sieht sich vor einer prächtigen Burg, höfische Damen stehen ihm gegenüber und ein Burgherr, der ihn aufgrund seiner Stellung auch zum Ritter schlagen kann. Im Glanz dieser frischen Würde zieht er weiter und besteht neue Abenteuer, in deren Verlauf er jedoch so verprügelt wird, dass er nicht mehr alleine aufstehen kann. So schlüpft er in die Rolle einer seiner literarischen Gestalten, spricht wie sie in balladesken Versen. Ein zufällig vorbeikommender Bauern aus seinem Dorf bringt ihn nach Hause und für kurze Zeit ist Don Quijote außer Gefecht gesetzt, eine Situation, die seine Freunde dazu nutzen, viele seiner Ritterbücher zu verbrennen und sein Bibliothekszimmer zuzumauern. Dass dies nur ein ihm feindlich gesonnener Zauberer getan haben kann, ist für Don Quijote gewiss. Seine Tollheit verstärkt sich. Er beschwatzt seinen bäuerlichen Nachbarn Sancho Pansa, alles aufzugeben und sich ihm als Stallmeister anzuschließen. Damit ist eines der berühmtesten Gefährtenpaare der Weltliteratur endlich beisammen und der zweite Ausritt kann beginnen.
 
Er führt die beiden sogleich in jenes Abenteuer, das durch die Jahrhunderte immer wieder bildende Künstler inspirierte: Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen, die er für Riesen hält. Sanchos Hinweis, es seien doch wirklich nur Windmühlen, missachtet er und landet deswegen auch kurze Zeit später krachend auf dem Boden. Gleich zu Beginn dieses Ausrittes wird so auf einer ersten Interpretationsebene deutlich, dass die Helden einander als Verkörperungen von Realismus und Idealismus zugeordnet sind. Cervantes hat dazu zweifellos Anregungen aus der humanistischen Dialogliteratur aufgenommen, deren erzieherische Absichten er jedoch mit Sanchos immer wieder vergeblichen Versuchen, seinen Herrn auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuführen, lächerlich macht.
 
Das zentrale literarische Modell des Verfassers ist der Ritterroman, den er in Form und Inhalt parodiert. Während eines weiteren Abenteuers Don Quijotes unterbricht der Erzähler, wie in den Rittergeschichten von Anfang an üblich, den Handlungsablauf, lässt die Bewegungen der Handelnden wie auf einem Standfoto erstarren, da seine fingierte Vorlage angeblich mittendrin abbricht. Der Zufall will es, dass er in Toledo arabisch geschriebene Manuskripte erwerben kann, deren Inhalt ihm ein zweisprachiger Maure übersetzt: »Historia des Don Quijote von La Mancha, geschrieben vom Cide Hamete Benengeli«, einem arabischem Historienschreiber. Der Dichter nutzt seine Version der vorgefundenen Handschrift zu einer der vielen literaturkritischen Anmerkungen, die seinen Roman wie ein stabilisierendes Netz durchziehen, um in immer neuen Facetten das Unwahrscheinliche als von einer höheren Wahrheit erfüllt erscheinen zu lassen. Da der Verfasser Araber ist, lüge er wie alle Araber, schreibt Cervantes. Damit aber handele er gegen die von Aristoteles festgeschriebene Bestimmung des Geschichtsschreibers, allein die Wahrheit leidenschaftslos darzustellen. Die Aufgabe der Dichtung ist hiervon unmittelbar ableitbar: Ihr sind die herrlichen Entwürfe der Fantasie überlassen, in denen die Wirklichkeit so dargestellt wird, wie sie sein sollte.
 
Nach vielen Abenteuern, heroischen Prügeleien und ritterlichen Kasteiungen, nach vielen literarischen Spielen und Anspielungen und nach etlichen eingeschobenen Geschichten - unter ihnen die des Pícaro Ginés de Pasamonte, die Cervantes Gelegenheit gibt, sich kritisch zur Wirklichkeitsdarstellung im Schelmenroman zu äußern - endet der erste Teil des Don Quijote damit, dass der wieder einmal halb totgeschlagene Held erneut nach Hause gebracht wird.
 
Der zweite Teil, den Cervantes rasch nach einer plagiierten Fortsetzung des ersten Teils 1615 veröffentlichte, beginnt mit der Schilderung der allmählichen Genesung Don Quijotes, mit der sich zugleich auch seine alte Leidenschaft für die Ritterbücher wieder einstellt. So kommt es denn trotz der Einwände aus seiner Umgebung zum dritten Ausritt mit Sancho, den zwei zentrale Abenteuer prägen, Don Quijotes Erlebnisse in der Höhle des Montesinos und Sanchos Herrschaft über die Insel Barataria.
 
Don Quijote lässt sich in die Höhle abseilen, fällt dort in einen tiefen Schlaf, in dem ihm in einer dantischen Vision Gestalten aus seinen Lektüren begegnen: die Ritter Montesinos und Durandarte sowie dessen höfische Geliebte Belerma. Cervantes lässt Don Quijote die Geschichte in der Weise erzählen, wie sie in Romanzen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitet ist: Beim Tod des Durandarte soll Montesinos ihm das Herz aus dem Leib schneiden und als Zeichen seiner Liebe zu Belerma bringen. Sancho, der mit seinen Einwürfen in Don Quijotes Erzählung immer wieder versucht, seinen Herrn in diese Welt zurückzuholen, bleibt dessen fantasievollem Enthusiasmus gegenüber machtlos.
 
Sanchos Statthalterschaft auf der Insel ist ein Stückchen verkehrte Welt, Karneval und Zeitkritik zugleich. Don Quijote gibt seinem Knappen für diese Aufgabe zunächst eine Reihe von Ratschlägen, die einem mittelalterlichen Fürstenspiegel entstammen könnten, aber ebenso ein Abbild der sozialen Situation der Zeit sind. Dann tritt Sancho seine Gouverneursstelle an und erweist sich als weltkluger und weiser Herrscher, der mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand, Schläue und Gewitzheit Entscheidungen trifft und Urteile fällt. Die Weisheit des Volkes siegt über Gelehrtheit und aristokratische Machtgebärden.
 
Am Ende aller fantastischen Abenteuer aber steht der Tod des Helden. Nach einer Niederlage voller Melancholie erkrankt er und nimmt seine Narrheit wahr. Alle Ritterbücher werden ihm abscheulich. Er ist wieder Alonso Quijano, der Gute. Friedlich verabschiedet er sich von dieser Welt, um in allen Künsten und überall gefeiert und so unsterblich zu werden.
 
Prof. Dr. Wolf-Dieter Lange
 
 
Spanische Literaturgeschichte, herausgegeben von Hans-Jörg Neuschäfer. Stuttgart u. a. 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

См. также в других словарях:

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